Blog

Hygiene als tägliche Pflicht

Ein starkes Hygieneteam sorgt dafür, dass durch einfache Massnahmen jeden Tag Infektionsprävention gelebt wird. Ein Interview mit Mirjam Müller, Fachexpertin Spitalhygiene am Spital Uster.

Interview: Sarah Buob

Hygiene Desinfektion

Wie wichtig ist Spitalhygiene?

Spitalhygiene ist absolut zentral und betrifft alle Bereiche des Spitals, vom Operationssaal über die Aufbereitung von Medizinprodukten bis hin zum Patientenbett. Dabei ist die Händedesinfektion eine der effektivsten Massnahmen gegen im Spital erworbene Infektionen. «Saubere Hände retten Leben» ist nicht nur ein Slogan, sondern eine tägliche Verpflichtung.

Während der Covid-19-Pandemie wurde Hygiene stark betont. Wie bedeutsam bleibt sie ausserhalb von Krisenzeiten?

Hygiene ist nicht nur in Krisenzeiten entscheidend. Die Pandemie hat den Fokus auf Infektionsprävention geschärft, aber diese Aufmerksamkeit sollte nicht abnehmen, wenn die unmittelbare Bedrohung vorbei ist. Infektionsprävention ist für den Spitalbetrieb jeden Tag essenziell. Es geht um den Schutz der Patientinnen und Patienten sowie des Personals, unabhängig von der aktuellen Lage.

Bei einer Patientin oder einem Patienten besteht ein Verdacht auf einen ansteckenden Keim. Was passiert?

Er oder sie wird vorsorglich isoliert. Das geschieht in der Schweiz übrigens auch standardmässig, wenn Menschen ins Spital eintreten, die innerhalb der letzten zwölf Monate im Ausland einen Spitalaufenthalt Mirjam Müller Fachexpertin für Infektionsprävention hatten. Wir machen Abstriche, um sicherzustellen, dass keine resistenten Keime aus anderen Gesundheitssystemen eingeschleppt werden.

Wie muss man sich die Isolation vorstellen?

Da Keime über Ausscheidungen, Wunden und manche gar über die Luft auf andere Menschen übertragbar sind, liegen isolierte Patientinnen und Patienten – wenn möglich – in Einzelzimmern, die sie nur aus medizinischen Gründen verlassen dürfen. Ausserdem trägt das Spitalpersonal Schutzkleidung, um das Risiko einer Kontamination so gering wie möglich zu halten. Besuchende dürfen empfangen werden, müssen aber die Hygieneregeln befolgen.

Welche Herausforderungen erlebst du im Alltag?

Spitalhygiene erfordert viel Fingerspitzengefühl und die Fähigkeit, schnell zu reagieren. Dies zeigt sich besonders bei akuten Infektionsfällen. Wir hatten einst eine Notfallpatientin, bei der Masern diagnostiziert wurden, nachdem sie bereits mit diversen Personen im Spital Kontakt gehabt hatte. Wir mussten in sehr kurzer Zeit alle Kontaktpersonen identifizieren, sie auf Impfschutz prüfen und – wo nötig – sofort Massnahmen einleiten. Dieser Kreis von Personen kann sehr gross werden, da er sich bis hin zu den Angehörigen erstreckt.

Wie wird sichergestellt, dass die Mitarbeitenden die Hygienestandards einhalten?

Hygiene ist Teamarbeit. Alle Mitarbeitenden mit Patientenkontakt leisten täglich einen Beitrag zur Infektionsprävention. Wir setzen auf regelmässige Schulungen und Fortbildungen, um sicherzustellen, dass das Wissen stets auf dem neuesten Stand ist. Unsere Mitarbeitenden absolvieren obligatorische Hygieneschulungen und spezialisierte Fortbildungen, die sich an den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und nationalen Empfehlungen orientieren. Auch Audits und Hygienekontrollen gehören dazu, um die Umsetzung zu prüfen.

Welche Botschaft liegt dir besonders am Herzen?

Infektionsprävention geht uns alle an! Jede Person kann durch die Einhaltung der wichtigsten Hygienemassnahmen, wie Händedesinfektion zur richtigen Zeit und den korrekten Umgang mit Schutzkleidung, dazu beitragen. Offenheit und Feedback helfen uns, Hygienestandards zu sichern und kontinuierlich zu verbessern. So schaffen wir gemeinsam mehr Sicherheit im Spital.

Welche Herausforderungen siehst du zukünftig für die Spitalhygiene?

Die Spitalhygiene wird in Zukunft noch wichtiger werden, da wir durch die Klimaerwärmung mit neuen Erregern konfrontiert werden. Die veränderten Umweltbedingungen begünstigen die Ausbreitung von Krankheitserregern, die bisher vor allem in tropischen Regionen vorkamen. Hinzu kommt die zunehmende Multiresistenz von Bakterien, die uns vor grosse Herausforderungen stellt. Es wird immer wichtiger, unsere Hygienemassnahmen kontinuierlich anzupassen und weiterzuentwickeln, um die Gesundheit von Patientinnen, Patienten und Personal zu schützen.

Die Evolution der Spitalhygiene

Hygiene hat eine lange, wechselvolle Geschichte. Während in der Antike Körperpflege und öffentliche Bäder hoch geschätzt wurden, gingen diese Standards im Mittelalter verloren, was Seuchen und Epidemien Tür und Tor öffnete. Erst im 19. Jahrhundert begann sich das Verständnis für Hygiene grundlegend zu ändern.

Ignaz Semmelweis, 1818 in Budapest geboren, erkannte Mitte des 19. Jahrhunderts als Assistenzarzt in Wien, dass mangelnde Hygiene bei Ärzten die hohe Sterblichkeit durch Kindbettfieber verursachte. Während die Sterberaten in der von Hebammen betreuten Abteilung niedrig waren, starben auf der Station der Ärzte bis zu 15 Prozent der Wöchnerinnen. Er stellte fest, dass Ärzte häufig, ohne sich die Hände zu waschen, von Autopsien direkt zu Geburten gingen und dadurch tödliche Infektionen übertrugen. Die Einführung der Händedesinfektion mit Chlorkalk führte zu einem drastischen Rückgang der Todesfälle – ein Meilenstein der modernen Medizin.

Doch Semmelweis stiess auf Widerstand. Die Vorstellung, dass Ärzte selbst Krankheiten verbreiten könnten, widersprach den damaligen Überzeugungen und wurde als Affront gegen das ärztliche Selbstverständnis empfunden. Anerkennung erfuhr Semmelweis zu Lebzeiten kaum. Er starb 1865 unter tragischen Umständen in einer psychiatrischen Anstalt – vermutlich an einer Infektion, die er sich dort zugezogen hatte. Seine Erkenntnisse wurden erst Jahrzehnte später durch die Arbeiten von Louis Pasteur und Robert Koch bestätigt. Sie identifizierten Mikroorganismen als Krankheitserreger und legten damit den wissenschaftlichen Grundstein für die moderne Hygiene. Die daraus entwickelten Hygienemassnahmen sind für den Alltag und die Medizin heute unverzichtbar.