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«Ich ermutige Patientinnen ihren Gesundungsweg aktiv mitzugestalten.»
Silvia Rusch begleitet als Breast Care Nurse am Spital Uster Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind. Ihr Herz schlägt für die Mind Body Medicine.
Interview: Rebecca Blatter

Du bist seit rund sechs Jahren am Spital Uster als Dipl. Pflegefachfrau auf der Onkologie tätig. Vor vier Jahren kam die Tätigkeit als Breast Care Nurse dazu. Was ist deine Aufgabe in dieser Funktion?
Die Patientinnen kommen auf ihrem Krankheitsweg an ganz vielen verschiedenen Stationen vorbei. Von der Hausärztin, über den Gynäkologen und die Onkologin bis zum Radioonkologen. Die Breast Care Nurse-Sprechstunde bietet eine konstante Anlaufstelle für Patientinnen in allen Phasen der Erkrankung. Vor oder nach einer Operation und während einer allfälligen Chemotherapie leiste ich emotionale aber auch praktische Unterstützung.
Wie kann ich mir das vorstellen?
Zum Beispiel kläre ich mit einer Patientin vor einer Operation alle ihre Fragen. Wie läuft die Operation ab? Mit welchen Einschränkungen hat sie zu rechnen? Welchen BH soll sie tragen? Nur in wenigen Fällen ist noch eine komplette Brustentfernung nötig. Wenn ein direkter Wiederaufbau nicht möglich oder nicht gewünscht ist, berate ich die Frauen zu Alternativen, sogenannten Brustepithesen, leite sie an Fachgeschäfte weiter und gebe Auskunft zur Kostenübernahme der Versicherungen. Während der Chemotherapie unterstütze ich sie im Umgang mit unerwünschten Wirkungen wie Haarausfall oder Erschöpfung. Bei Bedarf stelle ich den Kontakt zur Krebsliga, zu Selbsthilfegruppen oder Angeboten für Haushaltshilfe und Kinderbetreuung her. Oder ich vermittle weiter an Physiotherapeuten, Psychologen oder die Ernährungsberatung. Am intensivsten werde ich jedoch meist direkt nach der Diagnose gebraucht, wenn die ersten Sorgen und Fragen aufkommen.
Diese Diagnose ist für viele Patientinnen ein Schock.
Ja. Die Patientinnen sind oft verunsichert. Sie stellen sich Fragen wie «Wieso habe ich das bekommen? Was habe ich falsch gemacht?» Im ersten Moment braucht es daher Aufklärung und Informationen in der Sprache der Patientin und derer Angehöriger. Gleichzeitig kann eine solche Erkrankung für Patientinnen der Moment sein, eine Lebensstiländerung zu initiieren. Sie stellen sich früher oder später die Frage «Was kann ich tun, damit ich gesund bleibe? Wie verhalte ich mich, um die Therapie bestmöglich zu unterstützen und meine Lebensqualität positiv zu beeinflussen?»
Du hast vor zwei Jahren das CAS in Gesundheitspsychologischer Lebensstiländerung und Mind Body Medicine abgeschlossen. Was rätst du den Patientinnen bei solchen Fragen?
Ich ermutige sie ihren Gesundungsweg aktiv mitzugestalten. In erster Linie geht es darum, die Selbstwirksamkeit zu steigern und die Symptomlast selbst beeinflussen zu können. Die Begleitung ist immer sehr individuell. Im Austausch finden wir heraus, welche Ressourcen die Frau mitbringt und wie sie frühere Krisen bewältigt hat. Wenn sie offen dafür ist, spreche ich über die fünf Säulen des Tempels der Gesundheit. Während einer laufenden Chemotherapie stehen häufig die Säulen der Selbstfürsorge, Atmung und Entspannung im Vordergrund. Bewegung und Ernährung rücken meist eher in der Nachsorge in den Fokus.
Wie sieht die Umsetzung in deiner Sprechstunde konkret aus?
Ich gebe den Patientinnen praktische Hilfen zur Hand, die sie selbst anwenden können. Das reicht von Atemübungen und Lavendelauflagen zur Beruhigung bei Stress, über schlaffördernde Tees und Akupressur bei Übelkeit bis hin zu Bewegung, die nicht nur die Chemotherapie unterstützt, sondern auch die Psyche positiv beeinflusst.
Ist frau während einer Chemotherapie nicht zu erschöpft, um noch Sport zu treiben?
Es geht nicht darum Leistung zu erbringen. Schon ein täglicher 10-minütiger Spaziergang macht einen grossen Unterschied. Gemeinsam mit der Patientin entwickeln wir einen Aktionsplan mit realistischen Zielen. Denn Informationen allein bringen keine Verhaltensänderung. Es braucht Begleitung, um in Bewegung zu kommen und zu bleiben. Ein tolles Projekt dafür ist zum Beispiel das Pink Paddling. Dabei paddeln Krebsbetroffene einmal die Woche in einem Drachenboot auf dem Greifensee. Beim gemeinsamen Paddeln werden der Körper und der Geist gestärkt – und frau sitzt sowohl wortwörtlich wie auch im übertragenen Sinne im gleichen Boot.
Du hast kürzlich eine Weiterbildung in Ohrakupunktur gemacht und damit das Angebot der Breast Care-Nurse Sprechstunde nochmals erweitert. Weshalb?
Über die Hälfte der Patientinnen suchen bei einer Brustkrebserkrankung nach komplementären Behandlungsmethoden. Dieser Nachfrage wollen wir Rechnung tragen. Ohrakupunktur kann während der Chemotherapie unerwünschte Wirkungen, wie zum Beispiel Übelkeit, Gelenkbeschwerden oder auch Hitzewallungen lindern. Das Angebot steht als Ergänzung zur Schulmedizin. Es ist wichtig, immer genau zu prüfen, welche komplementären Behandlungsmethoden sich mit einer Chemotherapie vertragen.
Brustkrebs ist weltweit die häufigste Tumorerkrankung bei Frauen. Verschiedene Therapieoptionen ermöglichen eine hohe Heilungsrate. Trotzdem bedeutet für die Betroffenen eine Krebsdiagnose eine hohe psychische und physische Belastung. Im Spital Uster werden jährlich rund 60 Frauen mit Brustkrebs behandelt. Neben der Behandlung durch die Onkologie und Gynäkologe steht den Frauen die Sprechstunde der Breast Care Nurse (BCN) zur Verfügung. Deren Fokus ist die Begleitung, Information, Beratung und Unterstützung von Frauen mit Brustkrebs von der Diagnose über die Therapie bis zur Nachsorge.